Es gibt Orte in Japan, die im Winter in einen tiefen, fast meditativen Schlaf zu fallen scheinen. Lake Toya (Tōyako) ist einer dieser Orte – zumindest auf den ersten Blick. Als ich am 20. Dezember hier ankam, gut zwei Monate nach meiner Zeit in Utsunomiya, empfing mich Hokkaido nicht mit der sanften Kühle des Herbstes, sondern mit der unbarmherzigen, glatten Kälte des Nordens. Mein Plan war simpel: Ankommen, die vulkanische Kraft der Region zu Fuß erkunden und am 22. Dezember weiterziehen. Doch wie so oft beim Reisen, schreibt das Wetter das Drehbuch meist selbst.
Der Toya-See ist eigentlich dafür bekannt, dass er fast nie zufriert – einer der nördlichsten eisfreien Seen Japans, dank der geothermalen Aktivität, die unter der Oberfläche brodelt. Doch was nützt ein offener See, wenn die Wege dorthin eine einzige Eisbahn sind?
Der Konjunktiv des Wanderns: Toyako nach Toyoura
Ich hatte Großes vor. Meine Route auf Komoot war fertig geplant: Eine ordentliche Wanderung von Toyako nach Toyoura. Es sollte nicht nur ein Spaziergang am Seeufer sein, sondern eine Auseinandersetzung mit der zerstörerischen und schöpferischen Kraft der Erde.
Geplant war der Weg über den Nishiyama Crater Walking Path (西山火口散策路) und weiter zu den Konpira Crater Disaster Remains (金比羅火口災害遺構散策路). Diese Orte sind keine antiken Ruinen, sondern Zeugen des Ausbruchs von 2000. Hier hat die Erde Straßen aufgerissen und Häuser verschluckt. Ich wollte sehen, wie die Natur sich dieses Gebiet zurückholt.
Doch die Realität sah anders aus: Glätte. Nicht nur ein bisschen Raureif, sondern jene tückische Art von Eis, die jeden Schritt zu einem Vabanquespiel macht. Sicherheit geht vor, besonders wenn man unterwegs ist. Die großen Krater mussten warten. Statt der 6,5 Kilometer langen Tour mit 140 Höhenmetern, die ich als PDF auf dem Handy hatte, wurde es eine Studie der Entschleunigung.
Die Ästhetik der Kälte und Lichter im Dunke
Wenn die großen Abenteuer ausfallen, schärft sich der Blick für die kleinen Details. Statt Höhenmetern sammelte ich Eindrücke der Stille. Der See selbst, mit der Insel Nakajima in der Mitte, wirkt im Winter fast surreal. Die Luft ist so klar, dass sie in der Lunge schneidet, und das Licht hat eine Qualität, die man im Sommer vergeblich sucht.
Es ist ein seltsamer Kontrast: Man weiß, dass unter einem der Boden aktiv ist, dass heiße Quellen die Hotels speisen (und ja, das Onsen-Bad war nach den eisigen Spaziergängen keine Option, sondern eine Notwendigkeit), während oben der Wind den Schnee über den Asphalt peitscht.
Da die Tage kurz sind – die Sonne verabschiedet sich hier im Dezember gefühlt kurz nach dem Mittagessen – verlagerte sich das “Sightseeing” in die Dunkelheit. Toyako versucht, der winterlichen Tristesse mit Licht entgegenzuwirken. Der Illumination Tunnel und die beleuchteten Straßen geben dem Ort abends etwas fast Märchenhaftes, auch wenn es ein wenig kitschig sein mag. Aber wenn man bei Minusgraden durch die Straßen läuft, wärmt dieses Licht zumindest das Gemüt.
Weltpolitik im Rückspiegel
Zwischen den glatten Wegen und dem ruhigen See stolperte ich fast buchstäblich über ein Stück Weltgeschichte. 2008 war Toyako der Nabel der politischen Welt beim 34. G8-Gipfel. Das Toyako Summit Memorial Museum hält diese Tage lebendig. Es ist schon ein surreales Gefühl, vor dem originalen runden Tisch zu stehen und sich vorzustellen, wie Angela Merkel hier saß und mit George W. Bush oder Dmitry Medvedev diskutierte. Damals, im Juli 2008, muss der Ort vor Sicherheitskräften und Journalisten gewimmelt haben. Heute wirkt die Ausstellung fast schon intim. Besonders das Bild von Merkel, damals noch relativ frisch im Amt (nun ja, drei Jahre), weckt Erinnerungen an eine vergangene politische Ära. Es ist ein stiller Ort der Reflexion darüber, wie Entscheidungen, die an solchen Tischen getroffen werden, die Welt lenken – oder eben auch nicht, während der Vulkan draußen unbeeindruckt weiter sein Ding macht.
Fazit: Manchmal ist weniger Meer (oder See)
Meine Abreise morgen am 22. Dezember kommt gefühlt zu früh und doch genau richtig. Ich habe nicht die Wanderung gemacht, die ich wollte. Ich habe nicht die zerstörten Straßen am Nishiyama-Krater unter meinen Stiefeln gespürt. Aber ich habe Toyako in einer Ehrlichkeit erlebt, die den Sommer-Touristen wahrscheinlich verborgen bleibt.
Es war ein Aufenthalt der leisen Töne. Kein Abhaken von Sehenswürdigkeiten, sondern ein Ausharren und Beobachten. Und die japanische Küche – fernab von Milchreis-Experimenten, zum Glück – hat ihr Übriges getan, um die Moral hochzuhalten. Der Vulkan läuft nicht weg. Er wartet nur auf den nächsten Besuch, vielleicht wenn der Boden wieder griffig genug für meine Wanderstiefel ist.