Weihnachten im hohen Norden: Otaru, Sapporo und der Blick in den Abgrund

Weihnachten in Japan ist bekanntlich ein kulturelles Kuriosum, eher ein Fest für verliebte Paare, die durch Lichtertunnel flanieren, und für Familien, die sich um Eimer voller frittiertem Hühnchen scharen, als für besinnliche Stille oder religiöse Einkehr. Doch wer diesem kommerziellen Trubel entfliehen will – oder ihn zumindest gegen eine authentische Kulisse aus meterhohem Schnee und greifbarer Geschichte tauschen möchte – den zieht es unweigerlich nach Norden, nach Hokkaido.

Vom 24. bis zum 26. Dezember 2025 verbrachte ich meine Feiertage in der nostalgischen Hafenstadt Otaru, bevor mich der Zug weiter in die pulsierende Metropole Sapporo trug. Es war keine bloße Sightseeing-Tour, sondern eine Reise der extremen Kontraste: zwischen spiritueller Ruhe in verschneiten (feuchten) Schreinen und dem fast schon körperlichen Kampf im touristischen Chaos um eine Dampfuhr; zwischen Aussichten, die man sich in eisiger Kälte hart erarbeiten musste, und Momenten stiller Ehrfurcht vor der Pioniergeschichte der Insel.

Otaru: Hafenromantik und der Kampf um die Uhrzeit

Meine Ankunft in Otaru am Heiligabend wurde von der erwarteten Kälte und der rauen, ungeschminkten Schönheit des Hafens begleitet. Der Otaru-Kanal und der Hafenbereich, einst das geschäftige Herz des Heringshandels, haben im Winter eine ganz eigene Atmosphäre. Die alten Lagerhäuser aus Stein, die sich im dunklen Wasser spiegeln, erzählen von einer Zeit, als hier das Geld so locker saß wie der Schnee auf den Dächern. Spaziert man hier abseits der Hauptrouten entlang, wenn der Wind vom Meer herüberweht und einem Eiskristalle ins Gesicht treibt, spürt man die Geschichte der Stadt viel deutlicher und ehrlicher als in den polierten, warm beleuchteten Souvenirshops der Sakaimachi-Straße, wo sich alles nur um Käsekuchen und Glaswaren dreht.

Natürlich gehört der Besuch der berühmten Otaru Steam Clock zum absoluten Pflichtprogramm eines jeden Besuchers. Doch genau hier zeigte sich die hässliche Fratze des globalen Übertourismus, der auch vor der abgelegenen Insel Hokkaido nicht Halt macht. Die Uhr selbst, ein Geschenk der kanadischen Partnerstadt Vancouver, ist ein faszinierendes Stück Technik, das alle xx Minuten pfeifend Dampf ablässt und eine Melodie spielt. Doch die Magie dieses viktorianischen Charmes ging leider im rücksichtslosen Gedränge unter.

Horden asiatischer Touristen, denen das Konzept von Höflichkeit, Warteschlangen oder persönlichem Freiraum völlig fremd zu sein schien, machten das Bestaunen der Dampfpfeifen eher zu einer Geduldsprobe als zu einem Genuss. Man wurde geschubst, Selfiesticks bohrten sich fast in die Nase, und der Moment, in dem die Uhr ihre Melodie spielte, wurde von lautem Geschnatter und Rufen übertönt. Es war der Moment, in dem man sich fragt, ob man Teil des Problems ist oder nur ein unschuldiger Zuschauer in einem absurden Theaterstück.

Einen heilsamen, fast schon therapeutischen Kontrast dazu boten meine Besuche der Schreine. Der Suitengu Shrine, majestätisch auf einer steilen Anhöhe gelegen, bot nicht nur spirituelle Einkehr, sondern auch einen wunderbaren, unverstellten Blick über den Hafen – und das weitab vom Lärm und den süßen Düften der Einkaufsstraße. Hier oben war der Schnee unberührt, die Luft klar, und das einzige Geräusch war das Knirschen unter meinen eigenen Stiefeln. Bevor ich am 26. Dezember endgültig in den Zug nach Sapporo stieg, stattete ich noch dem Sumiyoshijinja einen Besuch ab. Es war der perfekte Abschied von Otaru: Die Stille des Schreins, dessen rote Torii im tiefen Weiß des Schnees fast unwirklich leuchteten, ließ den Stress der Menschenmassen vergessen. Es war ein Moment des “Reset”, der mich mental reinigte und auf die Hektik der Großstadt vorbereitete.

Sapporo: Hoch hinaus (und tief blicken)

Die Zugfahrt von Otaru nach Sapporo ist kurz, kaum 40 Minuten, aber sie markiert den drastischen Wechsel von der historischen, fast dörflichen Hafenstadt in die moderne, schachbrettartig angelegte Metropole des Nordens. Der Zug schlängelt sich dabei zeitweise direkt an der Küste entlang, wo die Wellen fast bis an die Gleise schlagen – ein spektakuläres Panorama. In Sapporo angekommen, ging es für mich hoch hinaus – und zwar mehrfach, um die Stadt aus der Vogelperspektive zu begreifen.

Der Sapporo TV Tower am Ende des Odori Parks bietet den klassischen Blick auf die zentrale Achse der Stadt. Besonders im Winter, wenn der Park unter einer dicken Schneedecke liegt und die “White Illumination” die Bäume in ein Lichtermeer verwandelt, ist der Ausblick kitschig-schön. Doch die wahre Ikone der Aussichtsplattformen in Sapporo, der Ort, den man gesehen haben muss, ist der JR Tower.

Die Aussicht vom 38. Stockwerk (“T38”) ist spektakulär, keine Frage – man sieht bis zu den Bergen und über die unendliche Weite der urbanen Landschaft. Aber sein wir ehrlich: Das eigentliche Highlight, über das in gedämpftem Ton gesprochen wird, ist für die männlichen Besucher das wohl berühmteste Pissoir Japans. Es wurde von den Architekten bewusst an der Glasfront platziert. Es gibt etwas surreal Befreiendes, fast schon Machtvolles daran, seine Notdurft zu verrichten, während man aus bodentiefen Fenstern direkt auf die Millionenstadt hinabblickt, die wie ein Ameisenhaufen unter einem liegt. Design trifft hier auf… nun ja, Erleichterung. Es ist ein stiller Dialog zwischen Mensch und Metropole, intim und öffentlich zugleich.

Weniger Glück hatte ich zunächst mit meinem Ausflug zur Mount Moiwa Ropeway. Mein Plan war klassisch romantisch: Hinauffahren, dann genießen. Die Realität war jedoch eine graue, undurchdringliche Wand aus Nebel und Schneetreiben. Weder Sonne noch Sterne, nur eine schlechte Aussicht und ein wolkenverhangener Himmel, der die Stadt verschluckte. Ich stand in der Kälte und fragte mich, warum ich dafür bezahlt hatte. Doch Geduld zahlt sich aus – später klarte es etwas auf, der Wind riss Löcher in die Wolkendecke und der Berg gab zumindest einen atmosphärischen, teilweisen Überblick über das weiße Sapporo frei. Es war nicht das perfekte Postkartenmotiv, das man sich erhofft, aber vielleicht gerade deswegen eine ehrlichere Erinnerung an die Unberechenbarkeit des nordischen Winters.

Eintauchen in die Geschichte Hokkaidos

Abseits der Aussichtstürme und Konsumtempel widmete ich mich auch der tiefgründigen und oft harten Geschichte dieser Insel. Ein Besuch im Hokkaido Museum und im Historical Village of Hokkaido (Kaitaku-no Mura) ist fast schon Pflicht, wenn man verstehen will, wie aus der wilden, unbarmherzigen Grenze des Nordens das heutige Hokkaido wurde.

Das Historical Village, ein Freilichtmuseum mit über 50 versetzten historischen Gebäuden, ist besonders im Winter eindrucksvoll. Die alten Holzhäuser, vom kleinen Polizeiposten bis zum prächtigen Herrenhaus, stehen dort im hohen Schnee wie Geister einer vergangenen Epoche. Wenn man durch die verschneiten Straßen läuft, vorbei an den Pferdeschlitten, die noch immer ihre Runden drehen, wandert man buchstäblich durch die Zeit. Man beginnt zu frieren, trotz moderner Daunenjacke, und bekommt eine Ahnung davon, was die Pioniere geleistet haben müssen.

Vom alten Bahnhof bis zu den spartanischen Wohnhäusern der Siedler – es erdet einen ungemein, zu sehen, unter welch extremen Bedingungen die Menschen hier früher lebten, ohne Isolierglas und Zentralheizung. Der Kontrast zum Komfort unseres modernen Reisens mit beheizten Shinkansen, überheizten Hotelzimmern und Hightech-Aussichtsplattformen könnte nicht größer sein. Es lehrt Demut vor der Natur und Respekt vor den Generationen, die dieses Land urbar machten.

DO3EET

Ich bin Frank. Ein Informatiker und Funkamateur aus Deutschland. Außerdem reise ich gern nach Japan.


2025-12-30